daniel roehe

digitale bildung für alle

Individualität von Lehrern

Am vergangenen Freitag war Halbjahrespause in Hamburg. Alle hamburger Schulen hatten frei, was für unser Kollegium die Möglichkeit gab, eine Ganztageskonferenz zur Entwicklung eines Leitbilds für unsere Schule abzuhalten. Das Leitbild soll eine übergreifende Grundorientierung geben. Es umfasst Werte und Ideale, welche die Grundlage für das Zusammenleben und Arbeiten in der Schule bilden. Gleichzeitig werden damit implizite Bildungsziele formuliert, auf die sich alle Praktiken in der Schule ausrichten. Ganz schön abstrakt, wenn man gerade aus dem alltäglichen Unterrichten kommt und doch irgendwie wichtig. Vor allem dann, wenn man mit vielen Menschen zusammen arbeitet. Da es immer mehr Dependancen der Bugenhagen-Schulen in Hamburg gibt, kamen 180 Mitarbeiter zusammen.

Das Leitbild steht unter der Überschrift „christliche Gemeinschaft“, für eine evangelische Schule nicht ungewöhnlich. Darunter finden sich die grundlegenden Orientierungen „Verantwortung“, „Respekt“, „Selbstbestimmung“ und „Individualität“. Durch Losen wurden wir verschiedenen Arbeitsgruppen zugeordnet. Mich traf das Los Individualität. In der Arbeitsgruppe ging es zunächst darum, den Begriff Individualität näher zu beschreiben. In einem zweiten Schritt sollten wir diskutieren, wie sich Individualität in der Schule darstellt.

Individualität der Schüler…

Verhältnismäßig schnell stellte sich Konsens darüber her, das wir Schülern in der Schule höchstmögliche Individualität einräumen wollen. Alle Schüler sollen in ihren Fähigekeiten und Interessen angemessen wertgeschätzt und gefördert werden. Die Individualität der Schüler trägt zur Vielfalt bei. Jeder soll diese Vielfalt erleben und wertschätzen können. Die Individualität soll dennoch dem Wohle der Allgemeinheit nachstehen. Praktisch heißt das, dass Schüler in der Auslebung ihrer individuellen Freiheiten keinen anderen Schülern zur Last fallen dürfen, z.B. durch Störung des Unterrichts. Man könnte hier auch den Grundsatz der Liberalität anführen: Die Freiheit des Einzelnen darf die Freiheit seines Nächsten nicht beeinträchtigen. Die Diskussion war sehr anregend und interessant. Mich hat an diesem Punkt fasziniert, dass ein so großer Konsens unter allen Kollegen herrscht.

…gleich: Individualität der Lehrkräfte?

Als es um die Individualität von Lehrkräften ging, wurde die Diskussion schon bunter. Grundsätzlich waren wir der Meinung, dass unsere Individualität denen der Schüler nachsteht. Womit so viel gesagt werden sollte, dass die Bedürfnisse der Schüler selbstverständlich erste Priorität haben. Dennoch lässt sich die Individualität von Lehrkräften nicht zurückstellen oder vertuschen. Zu einer wichtigen Eigenschaft eines Lehrers gehört auch die Authentizität, mit der er seine Sache vorträgt oder moderiert. So hat jeder Schüler auch die Möglichkeit, sich in seiner Entwicklung an dem Lehrer-Typ orientiert, der ihm eher liegt. Durch ständige Teamarbeit im Unterricht können wir den Schülern hier sicherlich einiges bieten.

Dennoch lässt sich fragen, wie stark Lehrer eigentlich ihre eigene Stimmung mit in den Unterricht tragen dürfen. Müdigkeit lässt sich bekanntlich auch durch Kaffeekonsum kaum vertuschen. Da reagiert man schon mal schneller auf Regelverstöße. Es gibt aber durchaus auch Kollegen, die mit schlechter Laune vor der Klasse hin und wieder nicht hinterm Berg halten. Dann stehen die individuellen Bedürfnisse der Schüler weiter hinten an als man sich wünschen würde. Sicherlich kann man sich fragen, wie viel Individualität eine Lehrerpersönlichkeit verträgt. Oder: Gibt es eine professionelle Individualität? Es wird also spannend, wie der Begriff „Individualität“ im Leitbild letztendlich ausgelegt wird.

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2 Kommentare

  1. Michael Miller 3. Februar 2009

    Schüler brauchen Lehrerpersönlichkeiten und keine Modulrealisierer, Erbsenzähler oder Paragraphenreiter. „Professionelle Individualität“ ist eher ein sprachlicher Rohrkrepierer, Abteilung pädagogisches Neusprech.
    Schlechte Laune? Kommt bei Schülern und Lehrern vor. In der Regel haben jedoch die Schüler einen Anspruch darauf, dass der Lehrer häufige „schlechte Laune“ am besten schon beim Pförtner abgibt.

  2. Stef 4. Februar 2009

    Individualität der Schüler und Lehrer ist gleichermaßen einzuhalten. Nätürlich darf und meiner Meinung muss jeder Mensch einmal „schlechte Laune“ haben dürfen, es sollte jedoch kein Dauerzustand sein. Wenn dies der Fall ist, dann gibt es sicher ein Problem, was genauer angegangen werden sollte. Ich bin gespannt wie die Individualität nun letzten Endes im Leitbild beschrieben wird und hofffe auf einen Folgebeitrag…

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